Die Ästhetik des Peter Weiss: Zum 100. Geburtstag eines Kritikers, der in keine Schublade passt

Peter Weiss. Quelle: deutschlandradiokultur.de

Peter Weiss wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden. Unzählige Veranstaltungen und zwei neue Biographien befassen sich mit dem Vermächtnis Peter Weiss‘, einem Künstler, der sich so garnicht in Schubladen pressen lässt.

Von Franziska Wilke, Julian Feller und Marko Neumann

Geboren wurde Weiss 1916 im heutigen Potsdam-Babelsberg. Sein Vater stammte aus einer jüdischen, österreich-ungarischen Familie und war Textilkaufmann. Seine Mutter, zeitweilig Schauspielerin, stammte aus der Schweiz. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 emigrierte die Familie erst nach London, dann in die Tschechoslowakei, wo Peter Weiss drei Jahre lang die Prager Kunstakademie besuchte. Schließlich gab es auch dort keinen Schutz mehr, die Familie zog weiter nach Schweden. 1940 kam Peter Weiss als mittelloser Maler nach Stockholm. [1]

Jugend und erste Werke

Schon als Jugendlicher findet er eine Gegenwelt in der Literatur. Genauso wichtig ist die Auseinandersetzung mit Bildender Kunst. Weiss beginnt zu zeichnen, als sein Talent erkannt wird, erhält er Unterricht. Er malt großformatige dunkle Ölbilder mit vereinsamten Menschen, auch ein „Selbstporträt zwischen Tod und Schwester“. [2]

Er versuchte sich als Schriftsteller und veröffentlichte im renommierten Stockholmer Bonniers Verlag sein erstes Buch „Från ö till ö“ (Von Insel zu Insel). Der Erfolg blieb jedoch aus. In den folgenden Jahren arbeitete Weiss als Experimentalfilmer und Kritiker und war ab 1952 mit der Bühnenbildnerin Gunilla Palmstierna zusammen. Die beiden teilten das Gefühl der Entwurzelung: Geboren in Lausanne, hatte Palmstierna als Kind die Zerstörung Rotterdams erlebt. [3]

Mit den Erzählungen „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ und „Abschied von den Eltern“ macht sich Weiss in der Bundesrepublik Anfang der 60er-Jahre einen Namen. Doch Weiss beklagt bald seine Innerlichkeit – er will sich politisch einmischen, gegen Unrecht aufbegehren und bekennt sich zum Sozialismus. Das bringt ihm in der DDR viele Sympathien ein – mit seinem Anti-Stalinismus-Stück „Trotzki im Exil“ beißt er dennoch auf Granit. [4]

Die Ermittlung: „Es ist noch nicht zu Ende“

Im Dezember 1964 besucht Peter Weiss das Vernichtungslager Auschwitz, um für sein Theaterstück „Die Ermittlung“ zu recherchieren. Er steht dort in einer untergegangenen Welt, in der er nichts mehr tun kann. Bis ihm klar wird: »Es ist noch nicht zu Ende.« [5]

Der Völkermord geht weiter. Nicht in Deutschland, wie zur NS-Zeit. Aber anderswo auf der Welt. In Vietnam etwa, wo die Amerikaner Napalmbomben abwerfen, und die Kriegsindustrie daran verdient. Dagegen kann er etwas unternehmen. Als Autor gibt er sich die Selbstverpflichtung, von nun an alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das Töten zu beenden. [6]

„Die Ermittlung“ ist jedoch kein Stück über eine exklusiv deutsche Sache. Weiss nimmt eine dezidiert menschenrechtlich-universelle Perspektive ein. Deshalb liefen Einwände ins Leere, die Weiss unterstellten, sein Drama sei so „judenfrei“ (James E. Young) wie Europa nach 1945. Weis s ’ Antwort an diese Kritik: „In der ‚Ermittlung‘ werden nicht Juden vernichtet, sondern Menschen“. Unter „bestimmten Umständen“, so Weiss weiter, können solche „Todesfabriken überall existieren“. Die Angeklagten und die Agenturen der Beihilfe (IG Farben und andere) werden hingegen beim Namen genannt. In Weis s ’ „Ermittlung“ wird wie im Auschwitz-Prozess, „Gerichtstag über uns selbst und unsere Geschichte gehalten“ (Fritz Bauer). [7]

Zentrales Werk: „Die Ästhetik des Widerstands“

Schließlich nimmt sich Weiss seines „Opus Magnum“ an: Die „Ästhetik des Widerstands“. Zehn Jahre benötigt er dafür. Es löst die unterschiedlichsten Reaktionen aus. Hanjo Kesting preist im „Spiegel“ von 1981 ein Werk, das ein „Gesamtbild der europäischen Linken zwischen 1917 und 1945“ entwerfe, Lesekreise bilden sich. Andere aber attackieren, verurteilen, der Feuilletonist Fritz J. Raddatz spricht von einem „Prosa-Irrtum“. Bald nach Abschluss der Arbeiten verstummt der Autor für immer. Seine „Ästhetik des Widerstands“ gilt inzwischen als Jahrhundertroman. [8]

Zwar wurde er danach in Ost wie in West hofiert, später aber auch wegen seines eigenständigen politischen Denkens geschmäht, mit Verboten und Missachtung belegt. Die DDR verhängte sogar ein Einreiseverbot gegen ihn und verzögerte lange die Herausgabe seines Hauptwerks „Die Ästhetik des Widerstands“. [9]

Weiss wurde so schließlich zu einem epochalen Schriftsteller, der mit „Die Ästhetik des Widerstands“ in den 1970er Jahren ein „Jahrhundertwerk“ (Heiner Müller) schuf. Den Zumutungen der autoritären Bevormundung durch die Partei hatte sich Weiss schon bei seinen Zusammenkünften und Inszenierungen in der DDR zu entziehen versucht, ohne dem damals exzessiven Antikommunismus des Westens das Wort zu reden. [10]

Die Lektüre der „Ästhetik des Widerstands“ gibt den Blick auf eine Epoche frei, die durch harte Klassengegensätze und den Kampf zwischen linker Arbeiterbewegung und Faschisten geprägt war. Und kapitalistischen Demokratien, die mitunter nicht wussten, wem sie im Zweifelsfall zugeneigt sein sollten. In „Die Ästhetik des Widerstands“ hat sich der Exilant Weiss selbst als ein erzählendes und aufnehmendes Autoren-Ich mit eingeschrieben, neben „Renegaten“ des Weltkommunismus wie Max Hodann. [11]

Was bleibt?

Trotz verschiedentlicher Überlegungen, wieder nach Deutschland überzusiedeln, behielt Peter Weiss bis zuletzt seinen Wohnsitz in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Noch immer fühlt er sich als „Exilant“ angesichts des aufgeheizten politischen Klimas in Deutschland während des Kalten Krieges. [12]

Die von außen zugeschriebene jüdische Identität, ohne innere Entsprechung, nannte er als Ursache für seine existenziellen Probleme: »Es ist Hintergrund für alles, was ich schreibe.« Der »Großvater im Kaftan« sei es gewesen, der ihn vor der Wehrmacht bewahrt habe. Ihm nur habe er es zu verdanken, »dass ich nicht auf der Seite der Verfolger und Henker gestanden habe«, wie seine Halbbrüder Arwed und Hans, die bei den Nazis mitmarschierten. [13]

Am 10. Mai 1982 stirbt Peter Weiss im Alter von 65 Jahren in Stockholm. Trotz zahlreicher Kritik an einzelnen Büchern hat sich der Autor einen festen Platz in der deutschen Literaturlandschaft erarbeitet. Sein Werk wird mehrfach ausgezeichnet, 1963 mit dem Schweizer Charles-Veillon-Literaturpreis, 1965 erhält er den Lessing-Preis der Stadt Hamburg, 1966 den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste der DDR und 1982 posthum den Georg-Büchner-Preis. Seit 1992 vergibt die Stadt Bochum alle zwei Jahre den Peter-Weiss-Preis für Literatur. [14]

Fußnoten:

[1] https://www.goethe.de/de/kul/lit/20863524.html

[2] http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/literatur/swr2-literatur-peter-weiss-zum-100-ich-war-fremder-wo-ich-auch-hinkam/-/id=659892/did=18243558/nid=659892/134938l/

[3] https://www.goethe.de/de/kul/lit/20863524.html

[4] http://www.mdr.de/kultur/themen/kalenderblatt-peter-weiss-100.html

[5] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26830

[6] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26830

[7] http://www.taz.de/Oratorium-ueber-Auschwitz-Prozess/!5350826/

[8] http://www.mdr.de/kultur/themen/kalenderblatt-peter-weiss-100.html

[9] http://www.deutschlandradiokultur.de/eine-lange-nacht-ueber-peter-weiss-das-leben-ein-zwiespalt.1024.de.html?dram:article_id=369890

[10] http://www.taz.de/Peter-Weiss-100-Geburtstag/!5350844/

[11] http://www.taz.de/Peter-Weiss-100-Geburtstag/!5350844/

[12] http://www.radiobremen.de/nordwestradio/feature-peter-weiss100.html

[13] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26830

[14] http://www.xlibris.de/Autoren/Weiss/Biographie?page=0%2C7