Heß-Gedenken in Berlin-Spandau wird für Nazis zum Desaster

Neonazis beim Rudolf-Heß-Gedenkmarsch 2004 in Wunsiedel. (Quelle: Wikipedia; Marek Peters / www.marek-peters.com)

30 Jahre nach dem Selbstmord des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß wollten etwa 700 Nazis durch Berlin-Spandau marschieren, um ihren Idol zu „gedenken“. Ein breites Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften und antifaschistischen Initiativen riefen zum Protest gegen den geschichtsrevisionistischen Aufmarsch auf. Obwohl die Polizei versuchte, den Nazis den Weg freizumachen, verhinderten Blockaden schon nach wenigen hundert Metern das Weiterkommen des Aufmarsches.

Von Franziska Wilke und Julian Feller

Die Reden sind kaum verständlich. Der Gegenprotest ist deutlich lauter. Einige Hundert Neonazis stecken an diesem Samstagmorgen noch in Falkensee fest, da durch Brandanschläge auf Gleisanlagen der Zugverkehr nach Berlin stark beeinträchtig ist. Die Rechtsextremisten, die es nach Spandau geschafft haben, sehen unterdessen nicht glücklich aus. Als die rund 800 Neonazis gegen halb vier wieder am Bahnhof in Spandau ankommen, steht bereits fest, dass der antifaschistische Protest gegen den Rudolf-Heß-Marsch erfolgreich war. Die Neonazis konnten nur wenige Hundert Meter laufen und mussten dann, aufgrund von mehreren Blockaden, umkehren. Wieder am Bahnhof angekommen, wurden sie gegen 17 Uhr mit „Haut ab“ und „Nazis raus“-Rufen verabschiedet. [1]

Laut Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) war die Demo mit hohen Auflagen verbunden. So durfte Heß weder in Wort noch Schrift geehrt werden, wie es hieß. Auch die Zahl von Trommeln war begrenzt worden, Marschmusik verboten. Stattdessen gab es Wagner-Opern auf die Ohren. „Ein Verbot wäre mir sehr sympathisch gewesen, wir haben das sehr sorgfältig geprüft und festgestellt, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung leider auch für Arschlöcher gilt“, sagte Geisel dem RBB-Inforadio. [2]

Kurze Rangeleien zwischen Rechten und Nazi-Gegnern gibt es an der Ecke Klosterstraße Altonaer Straße. Die Polizei geht dazwischen. Die rechte Demo zieht – eskortiert von der Polizei – über die Altonaer Straße ab, wieder zu den Spandau Arcaden und von dort in die Ruhlebener Straße. Die Polizei hält Gegendemonstranten auf, die den Rechten folgen wollen und rufen „Ihr habt den Krieg verloren“. [3]

Auch zahlreiche Spandauer Anwohner beteiligten sich an den Gegenprotesten. Die Spandauer Juliane und Gerhard waren entsetzt über den martialischen Anblick der Demo. „Eine Demokratie muss zwar einiges aushalten, aber das ist grenzwertig, was hier passiert“, sagten sie. „Wir hoffen, dass den Rechten auffällt, wie viele sich gegen sie engagieren – vielleicht denken die dann doch nochmal nach.“ [4]

Parteien wie SPD, Grüne und LINKE, Gewerkschaften und Bündnisse gegen Rechts unterstützten die Gegenproteste – neben dem Demonstrationszug waren auch verschiedene Kundgebungen geplant. [5] „Wenn es um Bürgerrechte und Demokratie geht, müssen wir sie gemeinsam verteidigen“, sagt Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (LINKE). Sie macht auf einen weiteren rechten Aufmarsch Anfang September in Hellersdorf aufmerksam. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast (Grüne) kündigt derweil an, den teils ruppigen Polizeieinsatz in Spandau im Nachhinein prüfen zu lassen. Eine Freundin von ihr sei nicht zu der Gegendemonstration gelassen worden aufgrund ihrer bunten Haarfarbe. „Das ist nicht alles rechtmäßig“, sagt Künast. [6]

Anlass der Kundgebung der Rechtsextremen war der 30. Todestag von Rudolf Heß. Heß trug offiziell den Titel „Stellvertreter Hitlers“ und war ein glühender Verehrer des Führers. Er wurde 1946 wegen Planung eines Angriffskrieges und Verschwörung gegen den Weltfrieden von einem internationalen Gerichtshof zu lebenslanger Haft verurteilt. Bis zuletzt blieb Rudolf Heß bei seiner Gesinnung und stand damit hinter den Verbrechen des Naziregimes. Er nahm sich am 17. August 1987 im Kriegsverbrechergefängnis der Alliierten in Berlin-Spandau das Leben. In Nazi-Kreisen wird der Mythos aufrechterhalten, Heß sei erschossen worden. [7]

Fußnoten:

[1] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1061094.klares-zeichen-gegen-verherrlichung-des-nationalsozialismus.html

[2] https://www.taz.de/Rechten-Demo-in-Spandau/!5440306/

[3] http://www.tagesspiegel.de/berlin/30-todestag-von-rudolf-hess-gegendemonstranten-blockierten-neonazis-in-spandau/20192702.html

[4] https://www.morgenpost.de/bezirke/spandau/article211636619/Neonazi-Demo-in-Spandau-von-Gegendemonstranten-gestoppt.html

[5] http://www.berliner-kurier.de/28192568

[6] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1061094.klares-zeichen-gegen-verherrlichung-des-nationalsozialismus.html

[7] http://www.bz-berlin.de/berlin/auseinandersetzungen-bei-nazi-demo-in-berlin-spandau