„Schwach, dünn und konstruiert“ – Der aktuelle Tatort „Land in dieser Zeit“

Logo der ARD-Krimireihe "Tatort". Quelle: wikipedia.org

 

Der Frankfurter Tatort greift einen Themenkomplex auf, das aktueller kaum sein könnte: die organisierte rechtsextreme Szene, Neurechte Faschisten und die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Der aktuelle Streifen wird jedoch weder der Vielschichtigkeit dieser Themen, noch dem Anspruch an einen guten Krimi gerecht.

Von Franziska Wilke und Marko Neumann

Der erste Tatort, den Das Erste in diesem Jahr sendet, ist der richtige Fall zur richtigen Zeit. Ein Brandsatz zerdeppert Scheiben, der Frisörladen dahinter geht in Flammen auf. „Kill All Nazis“ hat jemand in krakeligen Buchstaben auf den Bürgersteig gesprüht. Die Ermittler Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) beugen sich am Tatort über eine verkohlte Leiche, ein goldenes Kettchen mit dem Anhänger „Melanie“ liegt um ihren Hals. [1]

Wer sich am Sonntag den Frankfurter „Tatort: Land dieser Zeit“ ansah, dürfte am Ende ziemlich frustriert in die Röhre geguckt haben. Denn der Krimi hatte nicht nur große Längen und wirkte konstruiert, sondern verabschiedete sich auch noch mit einem deplatzierten offenen Ende. [2]

Ein wirklicher Störfaktor war allerdings, dass anscheinend immer mehr „Tatorte“ auf eine ordentliche Portion Albernheit setzen, anstatt ernsthaft durcherzählt zu werden. [3] Besonders irritierend wirkte dabei der neue Vorgesetzte von Brix und Janneke (Margarita Broich ) namens Fosco Cariddi (Bruno Cathomas). Dieser zitierte nämlich ausufernd Gedichte von Ernst Jandl. Selbst wer die experimentelle Lyrik als solche identifizierte, blieb ratlos mit der Frage zurück, wo dieser Spleen wohl noch hinführen soll. [4]

Worum ging es im aktuellen „Tatort“?

In einem ausgebrannten Friseursalon wird die Leiche der Auszubildenden Melanie Elvering gefunden. „Kill All Nazis“ haben Unbekannte an den Tatort geschmiert. Schnell gerät ein afrikanischer Drogendealer ins Visier der Frankfurter Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Er soll vor der Gewalttat einen heftigen Streit mit der Getöteten gehabt haben. Der Tatverdacht bröckelt aber nach und nach. Stattdessen geraten die labile Friseuse Vera (Jasna Fritzi Bauer) und zwei junge Akademikerinnen in den Blick der Ermittler. Vera hat Kontakte in die rechtsextreme Szene und reagiert aggressiv auf die Nordafrikaner, die sich auf dem Platz vor dem Friseursalon treffen. [5]

Afghanistan als Abschiebeland, brutale Gewalt gegen Ausländer, Flüchtlinge mit falschen Identitäten und eine neue Rechte: „Land in dieser Zeit“ reißt viele aktuelle gesellschaftspolitische Konflikte und Probleme an, vertieft aber kein Thema. [6]

Am Ende rezitiert die ganze Mordkommission Ernst Jandls Gedicht „lichtung“, das mit den Worten „So wird aus den Richtungen: lechts und rinks“ beginnt. Eine Deutung von „lichtung“ läuft darauf hinaus, dass das Gedicht durch die Verwechslung der Buchstaben Licht in eine Sache bringe. Und was soll das anderes sein als ein Hoffnungssignal, bei einem Fall wie in diesem? Würde nicht alles wieder von vorne beginnen. [7]

Verpatztes Ende

Hätte der „Tatort“ an sich überzeugt, hätte man über das Ende hinwegsehen können. Doch das war leider nicht der Fall. So löblich es war, dass der Krimi sich mit dem virulenten Themenkomplex Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Nationalismus auseinandersetzte, so enttäuschte er doch in der Umsetzung. Abgesehen von den zahlreichen Längen war die Story eher oberflächlich umgesetzt, Gags wollten nicht zünden und zahlreiche Fragen blieben – auch abseits des offenen Endes – ungeklärt. [8]

Bleibt nur zu hoffen, dass der „Tatort“ in der kommenden Woche den Zuschauern ein spannenderes Krimi-Erlebnis beschert. Am 15. Januar läuft der Kölner Fall „Wacht am Rhein“. Auch dann wird es um das Thema Rassismus gehen. [9]

Fußnoten:

[1] https://www.merkur.de/tv/tatort-frankfurt-land-in-dieser-zeit-in-vorab-kritik-7195513.html

[2] http://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_79982446/kritik-zu-tatort-land-dieser-zeit-was-war-das-denn-fuer-ein-ende-.html

[3] http://www.wn.de/Welt/Kultur/Fernsehen/2654708-Tatort-Kritik-Land-in-dieser-Zeit-Ueberfrachteter-Krimi

[4] http://www.wn.de/Welt/Kultur/Fernsehen/2654708-Tatort-Kritik-Land-in-dieser-Zeit-Ueberfrachteter-Krimi

[5] http://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Land-in-dieser-Zeit-Tatort-aus-Frankfurt-hat-einige-Schwaechen-id40132297.html

[6] http://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Land-in-dieser-Zeit-Tatort-aus-Frankfurt-hat-einige-Schwaechen-id40132297.html

[7] http://www.sueddeutsche.de/medien/tatort-nachlese-der-moerder-ist-immer-der-rechtsextreme-1.3322089

[8] http://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_79982446/kritik-zu-tatort-land-dieser-zeit-was-war-das-denn-fuer-ein-ende-.html

[9] http://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_79982446/kritik-zu-tatort-land-dieser-zeit-was-war-das-denn-fuer-ein-ende-.html