Zur Geschichte der zapatistischen Bewegung in Mexiko

Der Vordenker der zapatistischen Bewegung in Mexiko, Subcommandante Marcos, hat sich vor einigen Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der Kampf geht trotzdem weiter.

Die Za­pa­tis­ten sind eine Be­we­gung im mit­tel­ame­ri­ka­ni­schen Raum, ge­nau­er in Me­xi­ko. In den 1980ern als typische Gue­ril­la des Kalten Krieges ge­grün­det, ver­schmol­zen in den Jahren des Aufbaus ver­schie­de­ne Ein­flüs­se in­ner­halb der Ejército Za­pa­tis­ta de Li­be­r­a­ción Nacio­nal (EZLN).

Die Ak­tio­nen und Kam­pa­gnen gegen die me­xi­ka­ni­sche neo­li­be­ra­le Re­gie­rung und die For­men des Zu­sam­men­le­bens der Za­pa­tis­ten sind in­ter­na­tio­nal zu Vor­bil­dern des an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kamp­fes ge­wor­den. Fol­gend fin­det ihr kleine Bio­gra­phie der EZLN.

Die EZLN ist heute – zumindest in Mitteleuropa – eine der be­kann­tes­ten sozialen Bewegungen Süd­ame­ri­kas und der gan­zen Welt. Ge­grün­det wurde sie in Ch­ia­pas, einem der ärms­ten Bun­des­staa­ten Me­xi­kos. Die Za­pa­tis­ten suchten schnell Kon­takt zur ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung, die haupt­säch­lich aus christ­li­chen Bau­ern be­stand. Auf diese Art erfolg­te in den nächs­ten Jahren eine Ver­schmel­zung aus so­zia­lis­ti­schen, an­ar­chis­ti­schen, aus re­li­giö­sen und anderen gesellschaftspolitischen Einflüssen. Was die EZLN bis heute aus­zeich­net, ist ihr ra­di­ka­les ba­sis­de­mo­kra­ti­sches Verständ­nis. So will sie auch nicht die Macht im me­xi­ka­ni­schem Staat über­neh­men. Viel­mehr will sie au­to­no­me Verwal­tungs­struk­tu­ren schaf­fen, in denen die Men­schen ihre Pro­ble­me ohne Be­vor­mun­dung An­de­rer lösen kön­nen.

  • Im Mai 2014 gab Subcomandante Marcos bekannt, sich aus dem Licht der Öffentlichkeit zurückziehen zu wollen. Es brauche keinen Chef oder Anführer, keinen Messias oder Erlöser für Rebellion und Kampf. Quelle: kwerfeldein.de

Erst­mals in Er­schei­nung trat die EZLN am 1. Ja­nu­ar 1994. Ver­mumm­te Kämp­fer be­setz­ten fünf Ver­wal­tungs­zen­tren im öst­li­chen Ch­ia­pas und er­klär­ten der me­xi­ka­ni­schen Re­gie­rung den Krieg mit dem Ver­spre­chen, bis in die mexikani­sche Haupt­stadt vor­zu­drin­gen. Nach nur zwölf Tagen teil­wei­se er­bit­ter­ter Kämp­fe wurde ein Waffenstillstand aus­ge­han­delt. Das ei­gent­li­che Ziel, einen all­ge­mei­nen Volk­s­auf­stand in ganz Me­xi­ko, ver­fehl­te die EZLN dabei. Sie zog sich nach ei­ni­gen Tagen aus den Städ­ten in den nur schwer für das me­xi­ka­ni­sche Mi­li­tär erreich­ba­ren Dschun­gel zu­rück, in denen sie von der ver­arm­ten Be­völ­ke­rung Un­ter­stüt­zung er­hielt. Seit die­sem Aufstand sind die Za­pa­tis­ten und ihre Sym­pa­thi­san­t*innen immer wie­der Opfer von Über­fäl­len re­ak­tio­nä­rer Paramili­tärs, die zu gro­ßen Tei­len von der me­xi­ka­ni­schen Re­gie­rung be­zahlt und ver­sorgt wer­den.

Die EZLN kämpft aber nicht nur mit Waf­fen gegen die zu­neh­men­de Ver­ar­mung der ein­fa­chen Be­völ­ke­rung, son­dern auch mit so­zia­len In­itia­ti­ven, die bei der Ver­bes­se­rung der Le­bens­si­tua­ti­on der Men­schen auch in den Städ­ten Mexikos hel­fen. Die haupt­säch­lich aus Bau­ern­mi­li­zen be­ste­hen­de Be­we­gung hat be­reits zwei Mal zum „Intergalaktischen Tref­fen gegen Neo­li­be­ra­lis­mus und für Mensch­lich­keit“ ein­ge­la­den. Das zwei­te Tref­fen fand in Spa­ni­en statt, um den welt­wei­ten An­spruch der For­de­run­gen der EZLN zu un­ter­strei­chen. Zum ers­ten Tref­fen, 1996 in Ch­ia­pas, kamen mehr als 3.000 Men­schen aus über 50 Län­dern. Ein Jahr spä­ter fand schon das zwei­te Tref­fen statt. Die wäh­rend den in­ter­na­tio­na­len Tref­fen ge­knüpf­ten Kon­tak­te hat­ten im Fe­bru­ar 1998 die Grün­dung der PGA (Peop­les Glo­bal Ac­tion), einem welt­wei­ten Netz­werk zur Ver­net­zung und zur Akti­ons­ko­or­di­na­ti­on, zur Folge. Während des ge­sam­ten Pro­zes­ses löste sich der mi­li­tä­ri­sche Ap­pa­rat all­mäh­lich von der zi­vi­len Basis, so­dass auch zu­neh­mend Ge­walt­ver­mei­den­de Grup­pie­run­gen In­ter­es­se an der Ar­beit der EZLN fan­den.

Am 9. Au­gust 2003 wur­den die so ge­nann­ten „Ca­ra­co­les“ ge­grün­det. Es han­delt sich dabei um fünf kom­mu­na­le Verwal­tungs­zen­tren, in denen die „Jun­tas der Guten Re­gie­rung“ tagen. Sie sind re­gel­mä­ßig wech­seln­de, streng basis­de­mo­kra­ti­sche Re­gie­run­gen, die sich mit den Sor­gen und Nöte aller Be­woh­ner*in­nen be­fas­sen.

2005 star­te­te die EZLN an­läss­lich der Prä­si­dent­schafts­wah­len in Me­xi­ko eine Kam­pa­gne gegen das ge­sam­te Parteien­sys­tem und for­der­te statt­des­sen eine au­ßer­par­la­men­ta­ri­sche Mo­bi­li­sie­rung und be­gann mit der „an­de­ren Kam­pa­gne“. Meh­re­re Tref­fen mit allen lin­ken Grup­pie­run­gen in Me­xi­ko soll­te zu einer lan­des­wei­ten Ver­net­zung füh­ren. Diese Kam­pa­gne wird nicht zu­letzt durch immer wie­der wäh­ren­de An­grif­fe von rechts­ge­rich­te­ten Grup­pen und ehe­mals ver­bün­de­ten Bau­ern­mi­li­zen, mit denen sich die EZLN mitt­lerweile um ur­sprüng­lich ge­mein­sam besetztes Land im Streit liegt, über­schat­tet. Mehr­mals ent­zog sich die Füh­rung der EZLN des­halb be­reits der Öffentlich­keit, um sich auf dro­hen­de Kon­flik­te vor­zu­be­rei­ten.