Faschismus als Sprungbrett in die moderne Gesellschaft? – Zum Forschungsstand einer Debatte

Immer wieder wird darüber diskutiert, ob und inwiefern faschistische Regime in Europa einen Anteil am Entstehen „moderner“ Gesellschaften hatten. Insbesondere das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutsche Reich werden im Zuge dieser Modernisierungsdebatte beleuchtet.

Angehörige der Waffen-SS, darunter Soldaten der SS-Sondereinheit Dirlewanger in Warschau; Aufnahme eines SS-Kriegsberichterstatters. Quelle: wikipedia.org

Unterschiedliche Vertreter_innen der Wissenschaft interpretieren den Faschismus als gewaltsamen Versuch einer beschleunigten Modernisierung oder gegensätzlich als Revolte gegen die Moderne, die an dieser Stelle aufgezeigt und teilweise bewertet werden sollen.

Borkenau & Dahrendorf: Faschismus als Schub in die moderne Gesellschaft?

Der Modernisierungsansatz geht auf Franz Borkenau zurück, der bereits 1933 von der verspäteten und überhasteten Entwicklung des Kapitalismus in Italien und Deutschland ausgehend den Faschismus als eine Art von Entwicklungsdiktatur interpretierte. Faschismus ist für ihn eine immanente Notwendigkeit des industriellen Systems, um vorhandene „Störungen“ zum Aufbau eines „modernen“ Staates zu beseitigen und das Funktionieren des Staatsapparates sowie des industriellen Fortschritts zu garantieren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befasste sich Ralf Dahrendorf mit der Thematik und baute die Theorie aus. Der Nationalsozialismus habe laut Dahrendorf „die in den Verwerfungen des kaiserlichen Deutschlands verlorengegangene, durch die Wirrnisse der Weimarer Republik aufgehaltene soziale Revolution vollzogen“. Ihr Kern sei „der brutale Bruch mit der Tradition und Stoß in die Modernität“, und Hitler habe die dazu notwendige „Transformation der deutschen Gesellschaft“ bewirkt.

Beide sehen also die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen, die durch faschistische Regime erwirkt wurden, einen deutlichen Entwicklungsschub für die künftigen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Modernisierungsansätze versuchen den Nachweis zu führen, dass die in Deutschland nicht erfolgte bürgerliche Revolution unbewusst von den Nazis durch die Zerstörung feudaler und traditionaler, die Entfaltung der Demokratie in der Weimarer Republik behindernder Strukturen, herbeigeführt wurde. Dies gilt den Modernisierungstheoretikern als Voraussetzung für die stabile Demokratie der Bundesrepublik nach 1949. Die Anschlussfähigkeit des Dritten Reiches an die bürgerliche Demokratie – die allgemein als „die moderne Gesellschaft“ angesehen wird – sah Dahrendorf 1949 darin, dass die traditionellen Hindernisse in der deutschen Sozialstruktur nach dem Ersten Weltkrieg, welche das Scheitern der Weimarer Republik vorprogrammierten, von den Nazis beseitigt worden war.

Umberto Eco, Henry A. Turner und co.: Technologischer Fortschritt und gesellschaftlicher Rückstand

Die Theorie der Modernisierung durch faschistische Regimes stehen jedoch starke Argumente und Thesen entgegen, die sich nicht ignorieren lassen. Zwei der bekanntesten Kritiker_innen der Modernisierungstheorie nach Dahlendorf sind Umberto Eco und Henry Ashby Turner. So schreibt Eco:

„Sowohl Faschisten als auch Nazis huldigten dem technologischen Fortschritt, während traditionalistische Denker diesen für gewöhnlich als Negation von traditionellen geistigen Werten ablehnen. Jedoch selbst wenn der Nazismus stolz auf seine industriellen Errungenschaften war, war dessen Lob der Moderne nur die Oberfläche einer Ideologie, die auf „Blut und Boden“ basierte.“

Als Essenz des Faschismus sieht Turner sogar „eine Revolte gegen die moderne Industriegesellschaft und den Versuch, eine ferne mythische Vergangenheit zurück zuerobern.“ Um ihre fortschrittsfeindlichen Ziele verfolgen zu können, hätten Nazis zwangsläufig eine industrielle Kriegsmaschinerie aufbauen müssen, jedoch hätten sie alles andere als eine Modernisierung der deutschen Gesellschaft beabsichtigt. Jeffrey Herf konstatiert schließlich, der Nationalsozialismus habe Modernisierungsprozess in Deutschland angehalten und nicht gefördert.

Tatsächlich sind die empirischen Befunde, die gegen eine Modernisierungstendenz des Dritten Reiches sprechen, ernüchternd. Beispielsweise setzt die Liberalisierung der Familienstruktur erst in der Bundesrepublik ein. Bei der Elitenrekrutierung wurden ebenfalls moderne Kriterien erst nach 1945 wieder relevant. Auch spricht das empirische Material dagegen, dass sich die Chancengleichheit zwischen Männern im Dritten Reich vergrößerte.

Jens Albert stellte fest, dass „erst die Zerstörung des nationalsozialistischen Regimes, die darauf folgende Teilung Deutschlands, die die Sozialstruktur der BRD in die Kultur-, Wirtschafts-, und Verteidigungsgemeinschaft des Westens […] die Grundlagen für eine erfolgreiche Modernisierung des Landes“ schufen, „die einen radikalen Kontinuitätsbruch mit der deutschen Vergangenheit darstellt“.

Aus diesem Ansatz ergibt sich Frage: Ist der Faschismus eine von außen auf die deutsche Geschichte einwirkende Kraft oder ist er ein Resultat der deutschen Geschichte?

Wolfgang Schieder: Kriterien für modernisierungstheoretische Fragestellungen

Die eigentliche Frage muss lauten, wie der Nationalsozialismus in den Gang der Moderne einzuordnen ist. Und dies kann nicht intentionalistisch bestimmt werden. „Modernisierung“ ist theoretisch gesehen nicht von politischen Entscheidungsprozessen abhängig. Sie vollzieht sich nicht wegen, sondern vielmehr trotz dieser.

Für die modernisierungstheoretische Bewertung der Zeit des Dritten Reiches ist darüber hinaus entscheidend, was sich in sozialpolitischer Hinsicht tatsächlich verändert hat. Dabei sind dreierlei Dinge zu berücksichtigen. Zum einen lassen sich modernisierungstheoretische Fragestellungen nur über Langzeituntersuchungen beantworten. Die Epoche des Dritten Reiches ist für sich genommen zu kurz, um über gesellschaftliche Veränderungsprozesse Auskunft geben zu können.

Zum anderen geht man von falschen Voraussetzungen aus, wenn man „Modernisierung“ als einen linearen Prozess ansieht, der irgendwann zum Ziel kommt. Anstatt immer nur die Fortschrittsfrage zu stellen, ist es viel sinnvoller, den Faschismus als ein Krisenprodukt der Moderne zu verstehen. Letztens schließlich liegt auf der Hand, dass Modernisierungsprozesse nur in historischer Vergleiche mit anderen Gesellschaften untersucht werden können. Die sozialwissenschaftliche Theorie ist hier durchweg wertend verfahren. Versuche einer objektiven analytischen Herangehensweise fehlen oft völlig. Die westlich-bürgerlichen Demokratien galten lange als das Maß aller Dinge. Weiter wurde oft behauptet, dass sie eine global gültige Schablone lieferten, an dem sich alle anderen Gesellschaften orientieren sollten. Beides ist längst fragwürdig geworden, das heißt aber nicht, dass damit die ganze Modernisierungstheorie in Gänze falsch wäre.

Faschismus: Modernisierung oder Ausdruck einer Krise?

Nun wird immer wider behauptet, dass der Faschismus ungeachtet seiner eigenen Zielstellung wider Willen doch „modern“ gewesen sei. Und selbstverständlich war der Faschismus Teil der „Moderne“ – was sollte er im 20. Jahrhundert auch anderes sein?! Die bloße Einordnung in einen zeitlichen Rahmen reicht aber nicht aus, um von einer Moderne im Sinne einer fortschrittlichen Gesellschaft zu sprechen.

Italien und Deutschland gelten als sogenannte „verspätete Nationen“, die Prozesse der „nationalen Identitätsfindung“, der „politischen Verfassungsfindung“ und des „wirtschaftlichen Strukturwandels“ setzten in diesen beiden Ländern später ein, als anderswo. In dieser Dreifach-Krise kann der Ursprung des Faschismus gesucht werden. Er war die politische Antwort auf eine nicht zu bewältigende Modernisierungskrise. Er ist daher auch nicht unter dem Aspekt der Modernisierung, sondern unter dem einer Modernisierungskrise zu diskutieren.

Oft wird auf alle möglichen Entwicklungen verwiesen, welche sich in Italien und Deutschland in faschistischer bzw. nationalsozialistischer Zeit trotz allem vollzogen hätten. Solchen Ansichten kann nur schwer gefolgt werden, da es nahezu unmöglich ist, festzustellen, was sich ohne, gegen oder mit dem Faschismus entwickelt hat bzw. hätte. Selbst wenn es gewisse Teilmodernisierungen gegeben hat, muss doch immer die Frage gestellt werden, ob nicht ein ungleich größerer Modernisierungsschub möglich gewesen wäre, wenn man nicht den faschistischen Weg gegangen wäre.

Das scheinbar Moderne am Faschismus ist sein politischer Stil: die Ausnutzung der Technik und der Medien, vom Auto und Flugzeug bis zum Rundfunk. Der scheinbar moderne Habitus des Faschismus beider Gestalt führt deshalb nicht an dem Urteil vorbei, dass beide in ihren Ländern das „Projekt der Moderne“ auf verhängnisvolle Weise gestört haben.