Der zapatistische Aufstand 1994

Ob­wohl sich die EZLN be­reits im No­vem­ber 1983 in der Selva La­can­do­na, einem Ur­wald­ge­biet an der Süd­ost­gren­ze Me­xi­kos, grün­de­te, trat sie erst knap­p ein Jahr­zehnt spä­ter öf­fent­lich in Er­schei­nung. Die an­fangs sehr klei­ne Grup­pe kon­zen­trier­te sich in den ers­ten Jah­ren ihres Be­ste­hen dar­auf, neue Mit­glie­der zu re­kru­tie­ren, was unter an­de­rem zu einer Ver­schmel­zung mit ver­schie­de­nen Le­bens­phi­lo­so­phi­en – trotz der mar­xis­ti­schen Ur­sprün­ge – führ­te.

Die Identität der als Phantomgestalt gedachten Symbolfigur des Sub-Commandante Marcos wurde bereits 1995 enthüllt. Es soll sich um Rafael Sebastián Guillén, einen 1957 in Tampico geborenen Universitätsprofessor, handeln. Die EZLN bleibt dabei: Den Sub-Commandante habe es in Wirklichkeit nie gegeben, es sei ein rein symbolischer Charakter. Nun habe man sich dazu entschlossen, das Phantom verschwinden zu lassen. Quelle: kwerfeldein.de

Das NAF­TA-Ab­kom­men.

Mit dem Ende des Kal­ten Krie­ges woll­ten die USA ihre po­li­ti­sche He­ge­mo­nie nicht nur über Eu­ro­pa, son­dern auch über ihren „ei­ge­nen“ Kon­ti­nent aus­bau­en. Eine ge­sam­t­ame­ri­ka­ni­sche Frei­han­dels­zo­ne sollte ge­schaf­fen wer­den. Die ers­ten Ver­hand­lun­gen be­gan­nen be­reits 1990 an deren Ende als Er­geb­nis das NAFTA-Abkommen (North Ame­ri­can Free Trade Agree­ment) stand. Für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten war es der erste Eck­stein zum Auf­bau einer Frei­han­dels­zo­ne. Für den me­xi­ka­ni­schen Staat wie­der­um war es der Hö­he­punkt einer kon­se­quen­ten Neo­li­be­ra­li­sie­rung der me­xi­ka­ni­schen Wirt­schaft, deren Folgen negativer nicht hätten sein können: Pri­va­ti­sie­run­gen, das Feh­len von Bil­dungs­struk­tu­ren, vor allem in den är­me­ren Ge­bie­ten in Süd­me­xi­ko, das Stei­gen der Le­bens­mit­tel­prei­se waren unter anderem die Folgen. Für die me­xi­ka­ni­sche Mit­tel­schicht und Teile der In­dus­trie war NAFTA ein Fort­schritt, ent­fie­len doch teure Zölle und er­leich­ter­te oder er­mög­lich­te es der me­xi­k­ani­s­chen Wirt­schaft Pro­fit in ganz Ame­ri­ka zu ma­chen. Doch für die oh­ne­hin schon ver­arm­ten Bau­ern war es eine Ka­ta­stro­phe: die Prei­se für Ge­trei­de und Kaf­fee san­ken, so­dass die me­xi­ka­ni­schen Bau­ern in­ter­na­tio­nal nicht mehr kon­kur­renz­fä­hig waren. Eine noch weiter zu­neh­men­de Ver­ar­mung war die Folge.

Auf­stand der In­di­genas.

Nach­dem sich die Za­pa­tis­ten fast zehn Jahre auf einen Auf­stand vor­be­rei­tet hat­ten, sahen sie für den ers­ten Ja­nu­ar 1994 – dem Tag des In­kraft­tre­tens des NAF­TA-Ab­kom­mens – ihre Zeit ge­kom­men. Die ers­ten Jahre ihres Be­ste­hens hatte die EZLN gut ge­nutzt: ihre Gue­ril­la-Kämp­fer waren teil­wei­se bes­ser aus­ge­bil­det und aus­ge­rüs­tet, als die me­xi­ka­ni­sche Bun­des­ar­mee.

Ver­mumm­te Kämp­fer grif­fen na­he­zu gleich­zei­tig fünf Be­zirks­haupt­städ­te im Osten von Ch­ia­pas an und be­setz­ten diese. Die Za­pa­tis­ten er­klär­ten der me­xi­ka­ni­schen Re­gie­rung den Krieg und ver­kün­de­ten das Vor­ha­ben, bis nach Me­xi­ko-Stadt vor­zu­mar­schie­ren und die bür­ger­li­che Re­gie­rung zu kap­pen. Das an­ge­streb­te Ziel, einen Auf­stand und damit eine Re­vo­lu­ti­on in ganz Me­xi­ko aus­zu­lö­sen, miss­lang dabei al­ler­dings. Nach nur we­ni­gen Tagen zogen sich die Za­pa­tis­ten aus den Städ­ten zu­rück in den Dschun­gel von Ch­ia­pas. In den nur schwer zu­gäng­li­chen Ge­bie­ten, in denen die Auf­stän­di­schen gro­ßen Rück­halt in der Be­völ­ke­rung be­sa­ßen, konn­ten sich die Za­pa­tis­ten neu ord­nen.

Der Ge­gen­schlag.

Etwa ein Jahr spä­ter, am 9. Fe­bru­ar 1995, star­te­te die me­xi­ka­ni­sche Armee einen Über­ra­schungs­an­griff auf die von den Za­pa­tis­ten be­setz­ten Ge­bie­te. Die Auf­stän­di­schen muss­ten sich dar­auf­hin aus den Re­gio­nen Las Cañadas und Selva La­can­do­na zu­rück­zie­hen. Meh­re­re 10.000 me­xi­ka­ni­sche Sol­da­ten wur­den an den wich­tigs­ten Stich­stra­ßen sta­tio­niert. Gleich­zei­tig rief die me­xi­ka­ni­sche Re­gie­rung ver­schie­de­nen Hilfs­pro­gram­me für den Süden Me­xi­kos ins Leben. Mit dem Auf- und Aus­bau der In­fra­struk­tur und meh­re­ren Hilfs­pro­gram­men zur För­de­rung der Land­wirt­schaft woll­te der me­xi­ka­ni­sche Staat der Za­pa­tis­ten ihren Nähr­bo­den ent­zie­hen. Von die­sen Pro­gram­men pro­fi­tier­ten al­ler­dings nur re­gie­rungs­treue Bau­ern.

Ver­schie­de­ne pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Grup­pie­run­gen wur­den ge­grün­det, die die Za­pa­tis­ten und ihre An­hän­ger mit an­hal­ten­den Über­fäl­len nach und nach auf­rei­ben sol­len. Der bis­lang schlimms­te Über­fall die­ser Art war das „Mas­sa­ker von Ac­te­al“ am 22. De­zember 1997. Wäh­rend eines Got­tes­dienst ver­sam­mel­te sich die Ge­mein­de nicht-za­pa­tis­ti­scher „Abe­jas“ zum Gebet. Dabei wur­den sie von Pa­ra­mi­li­tärs an­ge­grif­fen. Es star­ben ins­ge­samt 45 Men­schen, dar­un­ter auch Kin­der und schwan­ge­re Frau­en.

Seit ihrem Auf­stand 1994 tritt die EZLN für eine De­mo­kra­ti­sie­rung Me­xi­kos und eine Ent­span­nung der so­zia­len Pro­ble­me, vor allem der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung, ein. Die Za­pa­tis­ten sind lange keine rein mi­li­tä­ri­sche For­ma­ti­on mehr, sie en­ga­gie­ren sich in ver­schie­de­nen so­zia­len In­itia­ti­ven, 2005 rie­fen sie sogar die „La Otra Campaña“ – die „An­de­ren Kam­pa­gne“ aus, um Al­ter­na­ti­ven zum neo­li­be­ra­len Sys­tem zu er­for­schen.