Rechte Paramilitärs im Süden Mexikos – eine wachsende Gefahr

Seit dem Auf­stand der Za­pa­tis­ten in Me­xi­ko 1994 gab und gibt es viele Ver­su­che, au­to­no­me Struk­tu­ren auf­zu­bau­en. Weite Teile der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung wol­len sich nicht mehr unter das neo­li­be­ra­le Par­tei­en­sys­tem stel­len, dass ihnen eine Armut und Hilf­lo­sig­keit auf­zwingt, wie kaum ein an­de­res Sys­tem.

Die Identität der als Phantomgestalt gedachten Symbolfigur des Sub-Commandante Marcos wurde bereits 1995 enthüllt. Es soll sich um Rafael Sebastián Guillén, einen 1957 in Tampico geborenen Universitätsprofessor, handeln. Die EZLN bleibt dabei: Den Sub-Commandante habe es in Wirklichkeit nie gegeben, es sei ein rein symbolischer Charakter. Nun habe man sich dazu entschlossen, das Phantom verschwinden zu lassen. Quelle: kwerfeldein.de

Die Ant­wort der me­xi­ka­ni­schen Re­gie­rung auf diese Be­frei­ungs­ver­su­che ist in vie­len Fäl­len nur eine: Ge­walt. Of­fi­zi­el­le Re­gie­rungs­trup­pen gegen die ei­ge­ne Be­völ­ke­rung ein­zu­set­zen ist – zu­min­dest noch – selbst bei den meis­ten west­li­chen im­pe­ria­lis­ti­schen Staa­ten ver­pönt. Der Staat Me­xi­ko setzt des­halb zu­neh­mend auf an­de­re Me­tho­den, die in­di­ge­ne Be­völ­ke­rung ein­zu­schüch­tern. Oft kom­men dabei so­ge­nann­te pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten zum Ein­satz. Meis­tens von der Re­gie­rung be­zahlt, aus­ge­bil­det und/oder aus­ge­rüs­tet ter­ro­ri­sie­ren sie ganze Land­stri­che. Min­des­tens sechzehn die­ser ir­re­gu­lä­ren und il­le­ga­len Trup­pen agie­ren in den Bun­des­staa­ten Ch­ia­pas, Gu­er­re­ro, So­no­ra, Cam­pe­che und Ta­bas­co. Zu den be­kann­tes­ten Ter­ror­grup­pen ge­hö­ren „Paz y Jus­ti­cia“, „MIRA“, „Chin­chuli­nes“, die „Pu­na­les“, die „Guar­di­as Blan­cas“ und mitt­lerweile auch die UBI­SORT.

Die meis­ten von ihnen ope­rie­ren im Bun­des­staat Ch­ia­pas, einem der är­ms­ten Ge­bie­te Me­xi­kos. Mit Aus­nah­me der Guar­di­as Blan­cas („Weiße Gar­den“), die be­reits seit An­fang der fünf­zi­ger aktiv sind, wurde fast alle diese Grup­pie­run­gen Mitte oder Ende der Neun­zi­ger des zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert, als di­rek­te Re­ak­ti­on auf die in­di­ge­nen Auf­stän­de, ge­grün­det.

Die „Union für das so­zia­le Wohl in der Tri­qui-Re­gi­on“ (UBI­SORT)

Die UBI­SORT ist eine der we­ni­gen Mi­li­zen, die nicht in Ch­ia­pas agie­ren. Ob­wohl sie weder zu den äl­tes­ten, noch zu den größ­ten pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Ver­bän­den in Me­xi­ko zählt, ist die Union in der Ver­gan­gen­heit des Öf­te­ren durch ihr bru­ta­les Vor­ge­hen auf­ge­fal­len. Die Grup­pe, die haupt­säch­lich aus Co­pa­la-Be­woh­nern be­steht, kämpft gegen den am ers­ten Ja­nu­ar 2007 aus­ge­ru­fe­ne au­to­no­men Be­zirk San Juan Co­pa­la. Die UBI­SORT wird di­rekt von der sich selbst Re­vo­lu­tio­nä­ren in­sti­tu­tio­nel­len Par­tei (PRI) fi­nan­ziert. Die rechts­kon­ser­va­ti­ve PRI ist in Oa­xa­ca seit über 80 Jah­ren an der Re­gie­rung. Seit Ende 2009 be­la­gert die UBI­SORT das au­to­no­me Ge­biet Co­pa­la. Was­ser- und Strom­zu­fuh­ren wur­den ge­kappt, Leh­rer und Ärzte aus der Re­gi­on ver­trie­ben. Mehr als zwan­zig Men­schen sind be­reits wäh­rend die­ser Blo­cka­de von der UBI­SORT er­schos­sen wor­den, dar­un­ter auch Klein­kin­der. Gro­ßes Auf­se­hen er­reg­te der An­griff auf einen Hilfs­kon­voi, der im April 2010 Nah­rungs­mit­tel und Me­di­ka­men­te in das ab­ge­schnit­te­ne Dorf brin­gen woll­te. Zwei Ak­ti­vis­ten wur­den dabei durch ge­ziel­te Kopf­schüs­se re­gel­recht hin­ge­rich­tet, meh­re­re Teil­neh­mer*in­nen des Kon­vois wur­den ver­letzt. Al­lein der erste Jeep der Hilfs­trup­pe wurde mit über zwan­zig Ein­schüs­sen durch­lö­chert.

Die Guar­di­as Blan­cas („Weiße Gar­den“)

Die „Wei­ßen Gar­den“ wer­den ent­we­der von Groß­grund­be­sit­zern oder lo­ka­len po­li­ti­schen Macht­ha­bern en­ga­giert, fi­nan­ziert und be­waff­net. Meis­tens han­delt es sich bei die­sen Mi­li­zen um ehe­ma­li­ge Sol­da­ten und Si­cher­heits­kräf­te oder um ver­arm­te Bau­ern und Land­ar­bei­ter. Mit Hilfe die­ser il­le­ga­len An­griffs­kom­man­dos wol­len Guts­be­sit­zer und lo­ka­le Po­li­ti­ker – die oft unter einer Decke ste­cken oder sogar die sel­ben Per­so­nen sind – auf il­le­ga­lem Weg ihre öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen In­ter­es­sen durch­set­zen. Auf das Konto der „Wei­ßen Gar­den“ gehen Ver­trei­bun­gen un­lieb­sa­mer Bau­ern aber auch Morde an gan­zen Fa­mi­li­en.

Pazy y jus­ti­cia (Frie­den und Ge­rech­tig­keit)

Die pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Or­ga­ni­sa­ti­on „Paz y Jus­ti­cia“, die sich spä­ter in „Des­ar­rol­lo, Paz y Jus­ti­cia“ („Ent­wick­lung, Frie­den und Ge­rech­tig­keit“, kurz DPJ) um­be­nann­te, grün­de­te sich im Jahr 1995, kurz nach dem Auf­stand der Za­pa­tis­ten, in Ch­ia­pas. Die als mi­li­tä­ri­sche Arm der SO­CA­MA (So­li­da­ri­dad Cam­pe­si­no Ma­gis­te­ri­al; zu deutsch: Bau­ern-Leh­rer-So­li­da­ri­tät) gel­ten­de Miliz wurde unter an­de­rem von Sa­mu­el Sánchez Sánchez, Ab­ge­ord­ne­ter im ch­ia­pa­n­eki­schen Par­la­ment und Lei­ter der SOCAMA, mit­be­grün­det. Seit Mitte der neun­zi­ger Jahre des letz­ten Jahr­hun­derts hat „Frie­den und Ge­rech­tig­keit“ meh­re­re tau­send Bäue­rin­nen und Bau­ern ver­trie­ben, hun­der­te Qua­drat­ki­lo­me­ter Kaf­fee­pflan­zen ver­nich­tet, und ei­ni­ge der schlimms­ten Mas­sa­ker in Ch­ia­pas an­ge­rich­tet. Auch vor Ver­ge­wal­ti­gun­gen schre­cken die Pa­ra­mi­li­tärs nicht zu­rück.

Ur­sprüng­lich war „Paz y Jus­ti­cia“ eine Or­ga­ni­sa­ti­on, die so­zia­le Pro­jekt fi­nan­zier­te. Zu ihrer Füh­rung zähl­ten nicht zu­letzt PRI-Ab­ge­ord­ne­te, lo­ka­le Po­li­ti­ker und ehe­ma­li­ge hoch­ran­gi­ge Ex-Mi­li­tärs. Nach dem Auf­stand der EZLN for­mier­te sich die Or­ga­ni­sa­ti­on schnell zu einer il­le­ga­len Miliz, die von der me­xi­ka­ni­schen Po­li­zei und Armee be­waff­net und aus­ge­bil­det wurde.

Die Reihe von ter­ro­ris­ti­schen und il­le­ga­len Pa­ra­mi­li­tärs, die von der me­xi­ka­ni­schen Re­gie­rung ent­we­der un­ter­stützt oder ge­dul­det wer­den, ließe sich noch ewig fort­füh­ren. Mas­sa­ker und Ver­trei­bun­gen sind an der Ta­ges­ord­nung. Ein Ende die­ser An­grif­fe rechts­ge­rich­te­ter Mi­li­zen kann nur ge­sche­hen, wenn die­ses Pro­blem end­lich auch im Aus­land ernst ge­nom­men wird. Doch so­lan­ge Staa­ten wie die USA lie­ber Wirt­schafts- und Mi­li­tär­ab­kom­men mit Me­xi­ko schlie­ßen und sich in Sa­chen Men­schen­rech­te die Augen zu hal­ten, wird dies schwie­rig wer­den.